Die unpersönliche Nation

Blick auf die OstseeAls ich vor drei Jahren mein Linguistik-Studium abgeschlossen habe, hätte ich nicht gedacht, dass mich mal ein Pronomen auf die Palme bringt. Es ist nicht das egoistische „mein“ oder das generalisierende „wir“. Ich werde wahnsinnig, wenn mir  landauf landab immer wieder eines entgegen schlägt. Das unpersönliche „man“. Und zwar immer dann, wenn es eigentlich um „ich“, „du“, „wir“ oder „ihr“ geht.

Natürlich kann man dieses Phänomen als sprachliche Variation interpretieren, sich dann zurücklehnen und auf Morgen warten. Ich sehe hinter der exzessiven Nutzung von „man“ aber einen definiten Hintergrund. Es geht um Verantwortungsabtretung.

Ich habe das nicht gemacht – man ist es gewesen. Das jeweilige Personalpronomen schwingt in der Kommunikation zwar fast immer mit, sein Weglassen nimmt den Sprecher oder auch den Angesprochenen aber regelmäßig aus der Verantwortung heraus.

Natürlich fährt man auf der Autobahn immer ein bisschen schneller als erlaubt, man versucht bei der Steuererklärung erst mal alles und schaut dann, ob man damit durchkommt und man ist natürlich der Meinung, dass es viele Probleme im Lande gibt, die uns nicht nur schwer zu schaffen machen, sondern auch ein ganzes Stück aufhalten.

Eine nächste Stufe des Unpersönlichen ist der Konjunktiv in Verbindung mit „man“. Man müsste, man sollte und natürlich – man könnte. Aber ich nicht. Bitte die anderen. Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andere an. Energiewende ja bitte. Aber bitte keine Windräder, Hochspannungsleitungen oder CO2-Speicher bei mir in Sicht- oder Fühlweite.

Bürgerbeteiligung und Volksentscheide müssen selbstverständlich sein, aber man muss in diesem Land doch bitte auch ein Haus bauen können, wann und wo man das will. Umweltschutz ist eine tolle Sache, aber wenn man den nervigen Baum auf seinem Grund und Boden entfernen will, muss das doch möglich sein.

Schauen Sie sich mal einen Tagesschau-Beitrag, eine Reportage über die Arbeitsbedingungen in der Dienstleistungsbranche oder eine Podiumsdiskussion im Wahlkampf an. Wir haben uns vom selbstverantwortlichen „Ich“ verabschiedet, sind über das konfliktfördernde „Du“ hinaus und fühlen uns nun im Ungefähren „Man“ ganz wohl. Keiner muss sich angesprochen fühlen, niemand ist es gewesen und  ändern kann man sowieso nichts.

Wenn wir über Deutschland reden, heißt es – wenn man das man-Phänomen übersetzt – ganz kurz und knapp: dieses Land. Und das vom Rednerpult im Bundestag bis zur Amtsstube des örtlichen Bauamts. Doch dieses Ventil ist nun offen. Bundespräsident Joachim Gauck hat uns gefragt, wie dieses Land aussehen soll, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal „unser Land“ sagen sollen.

Bevor wir diese Frage aber beantworten können, müssen wir erst mal von unserem Land sprechen. Wir müssen es uns wieder zu Eigen machen, es aktiv gestalten und völlig selbstverständlich Verantwortung übernehmen. Im täglichen Leben und in unserer Sprache. Denn nur dann werden wir nicht bloß darüber reden. Es wird unser Land sein.

6 Gedanken zu “Die unpersönliche Nation

  1. Für die Formulierung „man müßte“ gibt es ja auch einen schönen Grammatik-Neologismus: Den Delegativ.

    Es gibt dann auch noch den Delegativ Ⅱ: Man müßte, wenn man Zeit hat ;-)

  2. Pingback: kanedo.net - Links von 19. März 2012 bis 26. März 2012

  3. Pingback: Die unpersönliche Nation | Blog-Schokolade

  4. Das Problem ist, dass wenn man nicht “man” sagt sondern “ich”, wenn man Stellung bezieht und seine Meinung sagt, wenn man überall Kommentiert wo der iX hin verlinkt – dann ist man schnell mal auf einer Filterliste.

    Wenn “man” kommentiert, wird der Kommentar zumeist nicht gelöscht.

    Wenn “ich” kommentiere hier und da schon.

    Weil “man” in Deutschland gerne auf alles individuelle draufhaut. Aus Neid, Mißgunst usw. Bevor in Deutschland kein “wir”-Gefühl da ist, darfst DU Dich nicht wundern.

  5. Pingback: Link(s) vom 25. März 2012 » e13.de

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