Freiheit schöner Götterfunken

Deutsche Nationalflagge auf dem Reichstag in BerlinEs ist wieder soweit. Ein politischer Feiertag steht vor der Tür und wir Deutschen sind meilenweit von der Vorfreude entfernt, die man in den USA am 3. oder in Frankreich am 13. Juli in allen Ecken des Landes spürt. Am 3. Oktober wird in jedem Jahr erneut deutlich, wie sehr wir uns mit einer Identität schwer tun, die über unsere Staatsbürgerschaft hinausgeht: Wir sind Deutsche.

Wir feiern morgen zum 22. Mal den Tag der Deutschen Einheit und damit einen Tag, an dem die frühere DDR der Bundesrepublik beigetreten ist. Es war und bleibt ein formaler Akt, der schon am 3. Oktober 1990 künstlich wirkte und diesen Makel bis zum heutigen Tag im kollektiven Gedächtnis nicht abschüttlen konnte.

Wenn wir an die Deutsche Einheit denken und damit den gesamten historischen Zeitraum der „Wende“ von 1989/90 meinen, erinnern wir uns nicht an den Tag im Oktober des Jahres 1990. Wir denken auch nicht an die Währungsunion, die letzte Volkskammerwahl oder das Treffen von Helmut Kohl und Michail Gorbatschow. Wir erinnern uns an den Mauerfall. Es sind die Worte von Günter Schabowski, der Bundestag, der spontan die Nationalhymne singt und die Bilder von Menschen, die in Berlin die Mauer öffnen und auf ihr in eine neue Zeit tanzen.

Doch dieser Tag, der 9. November, ist in unserer Geschichte ein schwerer Tag. Denn mit diesem Datum verbinden sich neben der Freude des Herbstes im Jahr 1989 vor allem Hass und Gewalt des Novembers 1938 und damit einer der vielen Tiefpunkte deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. Darum ist es verständlich, dass wir am 9. November nicht nur feiern können sondern auch zur Trauer und zum Gedenken verpflichtet sind.

Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass für die Deutsche Einheit ein relativ willkürlicher Termin gewählt worden ist. Nichtsdestotrotz ist und bleibt der 9. November 1989 unser „Sturm auf die Bastille“. Auch wenn wir, und das schätze ich sehr, diesen Tag wie auch den 3. Oktober nicht mit einer Militärparade zelebrieren sondern alljährlich Bürgerfeste feiern.

Jedoch sollten wir uns mehr Bezug erlauben. Bezug am Tag der Deutschen Einheit zur Deutschen Einheit. Mehr Kunst und Kultur, die sich mit dem Werden unseres Landes und der „Wende“ auseinandersetzt. Mehr Rückschau auf die wilden Wochen und Monate der Jahre 1989 und 1990 und mehr Freude über das Fundament, auf dem wir heute stehen, handeln und um unsere Gemeinwesen streiten.

Denn der Blick zurück schärft die Sicht auf das Jetzt.

Vielleicht entwickeln wir dann auch irgendwann eine Identität, zu der wir eine Beziehung entwickeln, die man mit dem Begriff „Stolz“ umschreiben könnte. Das wäre doch mal was.

In diesem Sinne: Freiheit schöner Götterfunken!

 

P.S. Hier hätte ich gern die Aufzeichnung des Konzerts vom 25. Dezember 1989 in Berlin verlinkt, in dem Leonard Bernstein aus dem Text „Freude schöner Götterfunken“ tagesaktuell „Freiheit schöner Götterfunken“ machte. Leider ist dieses Video nicht mehr auffindbar.

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