Partizipation ist kein Selbstläufer. Muss auch nicht.

Ein immer noch bestehender Irrtum ist, dass eine große Anzahl an Menschen bereit ist, sich an Diskussionen zu Problemen von öffentlichem Interesse zu beteiligen. Ein weiteres Missverständnis ist die Annahme, dass diese Diskussionen ihr größtes Echo finden, wenn die entsprechende Debatte online stattfindet.

Landauf landab gibt es dutzende Beispiele von Projekten, die mit viel Schwung online gestartet sind, dann aber schnell im debattenfreien Alltag aufgeschlagen. Erfolg haben meist nur die Projekte, die unmittelbaren Bezug zur Lebenswelt bzw. zum Geldbeutel der Beteiligten haben. Aus diesem Grund funktionieren auf kommunaler Ebene zum Beispiel offene Haushalte und transparent diskutiert Bebauungspläne sehr gut.

Datenschutz im Internet, die Perspektiven der Bildung oder auch das Thema Medienkompetenz locken dann aber nur noch die professionellen und meist institutionalisierten Diskutanten auf die Partizipationsplattformen der Republik. Den Normalbürger sucht man dort vergebens.

Das ist aber kein Problem. Auch ist es kein Fehler im System oder Ausdruck eines mangelnden gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein der Bürger. Es ist normal. Wir müssen uns nur endlich mal damit abfinden.

Wenn ich abends nach Hause komme, habe ich gern frei. Es ist ein wesentlicher Grundbaustein meiner positiven Lebenseinstellung, dass ich mir nicht jedes Problem, das mir am Tag durch die Timeline gehuscht ist, abends mit auf die Wohnzimmercouch nehme und dann dort damit kämpfe.

Wenn mich aber etwas interessiert, dann schlage ich mir auch gern die eine oder andere Nacht um die Ohren. Immer wieder, wenn ich ein solches für mich spannendes Thema gefunden habe, komme ich irgendwann an den Punkt, wo ich mit anderen darüber streiten könnte und will. Aber ich kenne keinen. Und die, die ich kenne, kenne ich nicht wirklich. Meist sind wir nur online bekannt und werfen uns von Woche zu Woche einige Argumentationsbrocken auf Twitter und Facebook entgegen. Wirkliche Diskussionen finden selten statt.

Warum ist das so?

Wahrscheinlich weil wir uns nicht persönlich kennen. Wir haben nie face to face diskutiert. Wir haben nie bei einer Flasche Wein oder beim einen oder anderen Bier eine Diskussion mal im direkten Schlagabtausch bis zur Schweigegrenze getrieben.

Doch genau das braucht eine gute Diskussions- und Kritikkultur. Man muss sich live und direkt erlebt habe. Sich gegenübergesessen haben, die Reaktionen des anderen erlebt haben. Man muss mal gesehen haben, wie sich der Gegenüber freut, wie er erschrocken ist, wie er durch seine Körpersprache zustimmt oder verneint. All das kann man online nicht erleben. Aber es prägt jede Debatte.

Diese Erfahrung kann aber auch kein Panel leisten oder gar eine re:publica mit tausenden Leuten und 3 Tagen informationeller Druckbetankung. Das geht nur im kleinen Kreis. Wahrscheinlich maximal 15 bis 20 Personen. Darüber hinaus wäre die Runde zu groß. Man muss ja auch die Chance haben, den Gegenüber kennenzulernen.

Also liebe on-und-offline-Partizipations-und-ihr-müsst-doch-alle-mitmachen-Industrie: Macht mehr Workshops! Schließt euch 2 Tage auf einem Gasthof in der Brandenburger Einöde mit 15 Leuten ein. Ganz besonders bevor ihr eine neue Plattform auflegt! Redet über alles und trinkt ein Bier zusammen!

Und am wichtigsten ist: Lasst das Internet aus! Denn nur dann könnt ihr Euch wirklich und vollständig auf einander konzentrieren.

Wenn das funktioniert, müssen wir auch nicht mehr unser Heil in einer hoffentlich bald losbrechenden gesamtgesellschaftlichen Diskussion finden. Die kommt beim geeigneten Thema ganz von allein.

 

Nachtrag (2.9.2011):

Heute veröffentlichte SPIEGELonline einen Artikel zum Thema Bürgerdialog. Anschließend waren sich viele Onliner einig, wer Schuld an der dialogischen Misere ist. Vielleicht ist es aber auch endlich einmal an der Zeit, Anspruch und Wirklichkeit rund um das Thema Partizpation kritisch zu vergleichen.

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