Wandel in grün

Sie haben das Fass aufgemacht. Die Grünen sind über Ihren Schatten gesprungen und haben ihr Spitzenduo für die Bundestagswahl 2013 mit einer Urwahl ermittelt. Dieses Verfahren ist in unserer Parteienlandschaft leider noch viel zu ungewöhnlich und allein deshalb gebührt der Partei tiefster Respekt und Anerkennung. Nun wurde ausgezählt. Und was dabei herauskam, kann man schon getrost als grüne Bombe bezeichnen.

Grüne Bürgerlichkeit - Eine Adaption des Logos der Partei "Die Grünen"Das Ergebnis gleicht einem Epochenwechsel innerhalb der ökologischen Partei. Neben dem mit allen politischen Wassern gewaschenen Jürgen Trittin hat die grüne Basis Katrin Göring-Eckardt dazu bestimmt, im nächsten Jahr in die großen Fußstapfen Joschka Fischers zu treten. Denn spätestens seit dem grünen Urgestein ist die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl zu einem Amt auf Zeit erwachsen, das dem eines Parallelkönigs neben der Parteispitze gleich kommt.

Dem alltäglichen Partei-Klein-Klein enthoben projiziert die grüne Gefolgschaft alle Hoffnungen in diese Spitzenkandidaturen. Joschka Fischer füllte dieses Amt noch allein aus. Die Generation nach ihm teilt lieber. Das sagt einiges über das Selbstbewusstsein der nun Aktiven aus. Joseph Martin Fischer hätte das wahrscheinlich nicht mit sich machen lassen. Doch das nur am Rande.

Nun sind es Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin, die die Grünen zu neuen Höhen führen sollen. Bei Trittin ist das keine Überraschung, bei Göring-Eckardt wirkt es umso mehr wie eine grüne Bombe. Was ist da los in der Partei, die sich zum einen über ein sehr umfangreiches ökologisches Themenspektrum definiert und deren Wertebasis – spontan geraten – eher links ist? Diese Partei schickt mit Katrin Göring-Eckardt nun eine Frau an ihre Spitze, die von außen betrachtet ungefähr das Standing eines Karl-Josef Laumann in der Union oder eines Johannes Kahrs in der SPD hat. Kurz: Nicht unbedingt Kernklientel – eher tolerierte Randgruppe. Nichts gegen Kahrs und Laumann. Beide bereichern ihre Parteien ungemein.

Doch nun haben wir es mit einer „grünen Bürgerlichkeit“ zu tun, die gerade im Südwesten des Landes Zulauf findet aber innerhalb des eigenen Lagers zu großen Zerwürfnissen führt. Exemplarisch verweise ich hier auf einen Beitrag von Julia Seeliger. Die ehemalige Grüne schrieb sich kürzlich einigen Frust von der Seele und fasste frühere Positionen der neuen Spitzenkandidatin als „zutiefst neoliberal“ zusammen. Grüne Höchststrafe.

Die Wahlergebnisse und die politische Realität sprechen aber eine andere Sprache. Grüner Pragmatismus wird gewählt. Boris Palmer, Fritz Kuhn und nicht zuletzt Winfried Kretschmann sind realer Beweis, dass grüne Politik mehrheitsfähig ist. Auch wenn einige das so empfinden mögen, die „grüne Bürgerlichkeit“ ist kein Schimpfwort. Vielmehr ist sie als gesellschaftlicher Türöffner geeignet – und dem müssen sich alle Parteien bewusst sein – um die vielbeschworene Mitte der Gesellschaft zu erreichen.

Mit Katrin Göring-Eckardt rammen die neuen Grünen nun einen Pflock mitten in die christdemokratische Wählerschaft. Wir in der Union haben mit ihr eine politische Kontrahentin, die nicht wenige gern in den eigenen Reihen sehen würden. Was bei Peer Steinbrück übrigens ziemlich ähnlich ist. Göring-Eckardt kann genau die christdemokratischen Wähler ansprechen, die genervt sind von den ewig Gestrigen, die immer wieder Werte mit Instrumenten verwechseln. Die einer Wehrpflicht, der Atomenergie oder einem überholten Idealbild von Familie nachtrauern, weil sie den eigenen Kräften zur Veränderung nicht trauen und auf größer werdende Komplexität mit immer einfacheren Antworten regieren.

Ich gehöre zu den Genervten.

Warum die Grünen eine vermeintliche Alternative zur Union werden, hat Ole von Beust der FAZ kürzlich sehr eindringlich beschrieben: Die „Union und auch die SPD beziehen ihre Zukunftsvisionen nach wie vor aus einer Zeit, als es noch den Eisernen Vorhang gab.“ Die Grünen dagegen haben es geschafft, „ein visionäres Thema aufzugreifen, zu dem jeder seinen Beitrag leisten kann.“ So lange wir in der Union aus diesem Dilemma nicht rauskommen, werden wir auf Dauer kaum neue Wähler gewinnen können. Das gesamte Interview mit Ole von Beust gibt es hier.

Doch diese Alternative ist aus meiner Sicht nicht destruktiv. Vielmehr öffnet sie eine Tür, die seit einiger Zeit als verschlossen galt. Eine Koalition mit der Union im Bund. Mit der Wahl von Katrin Göring-Eckardt sind die potentiellen Schnittmengen eher mehr als weniger geworden. Die von ihr erklärte „neue Vielfalt“, für die nach ihrer Auffassung die neue „Grüne Bürgerlichkeit“ steht, ist auch für immer mehr Unionsmitglieder und Sympathisanten erstrebenswert. Denn auch unter diesem Dach können die eigentlichen christdemokratischen Werte Verantwortung, Solidarität, familiäre Bindung und die Bewahrung der Schöpfung gelebt werden.

Rechnet man also eins und eins zusammen, ist die „Grüne Bürgerlichkeit“ viel weniger der Sargnagel als ein Hoffnungsschimmer für die Union. Schwarz-Grün ist noch nicht zu Ende gedacht.

4 Gedanken zu „Wandel in grün

  1. Pingback: Grüne wollen nicht mit der Union

  2. Horst Schulte

    Ob die programmatischen Differenzen wirklich durch eine Personalie besser zu überbrücken sind? Daran glaube ich nicht. Auch wenn die schwarz-grüne Option vor allem aus Sicht der Konservativen selbstverständlich immer bedeutender wird.

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